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Wir blicken trotz des Derbysiegs auf einen schwarzen Tag für die Fanszene in Leverkusen zurück. Es ist das passiert, was jeder gerne verhindert hätte, was jedem wehgetan hat und was einem Derby unwürdig war: ein Derby ohne Fahnen, ohne organisierten Support, ohne unsere Gruppe und ohne weitere Teile der aktiven Fanszene – und das auf beiden Seiten.

Das Verlassen des Blocks ist für uns eine der schärfsten Formen des Protests und sicherlich eine, die uns enorme Überwindung kostet. Es ist ein Schritt, der gut überlegt war, im Anbetracht der letzten Wochen und Monate jedoch in letzter Konsequenz unausweichlich erschien.

Sicher fragen sich nun viele von euch, warum diese Entscheidung getroffen wurde. Trotz der Tatsache, dass wir nach dem Verlassen des Blocks im Umlauf für euch ansprechbar waren und versucht haben, über die Anlage Informationen zu streuen, halten wir es für zwingend notwendig, uns an dieser Stelle umfassend zu äußern.

Wir möchten vorab klarstellen, dass wir den letzten Spieltag lediglich als die Spitze des Eisbergs betrachten. Der von uns gewählte Schritt war mit Sicherheit keine Handlung, die sich nur auf einen einzelnen Vorfall beim Derby bezieht. In den letzten fast eineinhalb Jahren hat sich die Situation derart zugespitzt, dass eine Eskalation wie vorgestern leider nicht mehr zu verhindern war. Auf diese Entwicklung der vergangenen eineinhalb Jahre möchten wir euch mitnehmen, um verständlich zu machen, was in Leverkusen aktuell passiert.

In dem genannten Zeitraum – kurz nach, aber auch bereits gegen Ende der Meistersaison – war auffällig, dass unsere Sicherheitsbeauftragten zunehmend ihre wahnhaften Vorstellungen eines vermeintlichen Sicherheitstempels à la „Guantánamo-Bay-Arena“ einleiten und durchsetzen wollten. Den Anfang nahm diese Entwicklung damit, dass im Gästeblock plötzlich wieder die vor Jahren bereits abgeschafften Zacken auf den Zäunen installiert wurden. Danach wurde das Sicherheitskonzept Schritt für Schritt derart hochgefahren, dass allein im oben genannten Zeitraum gegen sieben Fanszenen (2× München, Bochum, Union, Freiburg, Dortmund, Köln) in unserem Stadion Materialverbote ausgesprochen wurden – eine Maßnahme, die in Deutschland eigentlich als ausgestorben galt und die uns selbst lange vor der Pandemie zuletzt getroffen hatte. Selbst die Verbände stellten in den vergangenen Jahren fest, dass Tifo-Material zum Erhalt und zur Stärkung einer lebendigen Fankultur beiträgt. In Leverkusen sind Materialverbote durch das rückwärtsgewandte und veraltete Sicherheitskonzept der beiden Sicherheitsbeauftragten nun wieder gängige Praxis.

In Zeiten, in denen sich nahezu ganz Deutschland – egal ob Fanszenen oder auch der Verband – für eine lebhafte Fankultur einsetzen, gemeinsam gegen populistische Forderungen aus der Politik Stellung beziehen und Seite an Seite auf die Straße gehen, werden Fans in Leverkusen mit Maßnahmen konfrontiert, die völlig gegen jedes Werteverständnis unserer Gruppe gehen und von uns entschieden abgelehnt werden.

Als wären die genannten Maßnahmen nicht schon genug, setzt sich dieser Sicherheitswahn an unserem Standort mit dem Thema Intensivkontrollen fort – ebenfalls eine Maßnahme, die eigentlich nur noch in wenigen Ausnahmefällen existiert. Für Gäste in Leverkusen gehört dies jedoch zum traurigen Alltag. Stadionbesucher werden selektiert, in Container gebracht und müssen sich für einen Stadionbesuch intensiven Kontrollen unterziehen, die in einigen Fällen in teilweisem Entkleiden gipfeln. Es handelt sich um eine entwürdigende und tief in Persönlichkeitsrechte eingreifende Praxis, nur um die Erlaubnis zu erhalten, eine öffentliche Veranstaltung zu besuchen. Auch wenn hierbei angeblich von „Stichproben“ die Rede ist, haben mehrere Quellen unabhängig voneinander bestätigt, dass ganz klar gezielt und selektiv vorgegangen wird. Wir sind weder an einem Flughafen noch in einer Justizvollzugsanstalt. Kontrollen dieser Art sind vollkommen deplatziert. Im oben genannten Zeitraum erreichte uns über unsere eigenen Kanäle, die Kurvenhilfe und das Fanprojekt eine zweistellige Anzahl an Beschwerden über das Vorgehen bei den Einlasskontrollen in Leverkusen – verbunden mit der Aussage, so etwas sonst nirgendwo erlebt zu haben. Über Dunkelziffern wollen wir an dieser Stelle nicht spekulieren, wenngleich jedem klar sein sollte, dass auch uns nicht jeder Einzelfall bekannt ist.

Die gesamte Causa rund um Aufkleber, die sowohl im Gast- als auch im Heimbereich relevant war, wurde von der Kurvenhilfe bereits ausführlich behandelt. Wir verzichten daher an dieser Stelle auf eine erneute Darstellung. Wer hierzu weitere Informationen benötigt oder die relevanten Hintergründe nicht kennt, kann diese gerne nachträglich einholen.

Ein Vorfall, der bislang nicht öffentlich gemacht wurde, ereignete sich beim Spiel gegen den SC Freiburg. Dabei wurde ein Mitarbeiter des Fanprojekts des SC Freiburg bei der Ausübung seiner Arbeit durch Mitarbeiter des Ordnungsdienstes bedroht, tätlich angegangen und darauf hingewiesen, dass er künftig keine Arbeitskarte beziehungsweise Akkreditierung mehr erhalten werde – obwohl er lediglich seiner alltäglichen Arbeit bei Fußballspielen nachging. Ein Umgang dieser Art mit einem Fanprojekt stellt eine rote Linie dar, die weit überschritten wurde. Auch wenn der betreffende Ordner inzwischen nicht mehr im Stadion eingesetzt wird, ist dieser Vorfall bezeichnend für die Sicherheitspolitik und den Umgang mit Gästen an unserem Standort.

Ordner, die seit Jahren ein gutes und konstruktives Verhältnis zur Fanszene pflegen, werden zwangsversetzt, suspendiert oder erhalten das Verbot, mit Mitgliedern der Fanszene zu sprechen. Selbst ein lapidares „Hallo“ oder ein Handschlag ist für die Sicherheitsbeauftragten bereits zu viel. Zeitgleich wird erfahrenes Personal durch gänzlich ungeschultes ersetzt. Das Ergebnis: gewachsene Dialogstrukturen werden untergraben, ein sinnvoller Austausch zwischen Fanszene und Ordnungsdienst wird unmöglich gemacht. Ereignisse wie beim Spiel gegen Newcastle, als wir mehrere Engländer aus der eigenen Kurve entfernen mussten, weil die Ordner nicht in der Lage waren, entsprechend auszusortieren, zeigen deutlich, dass wirklich sicherheitsrelevante Themen unter den Tisch fallen. Stattdessen scheint es wichtiger zu sein, eine Schwenkfahne oder einen Doppelhalter als Risiko einzustufen.

Neben einem geplanten Choreoverbot für unsere Gruppe, dem gewaltsamen Betreten des Gästeblocks gegen Freiburg oder dem Betreten eines Nebenblocks gegen Bochum wegen eines Wasserballs ließen sich noch zahlreiche weitere Beispiele anführen, die verdeutlichen, welche wahnhaften Vorstellungen der Sicherheitsapparat unseres Vereins aktuell verfolgt. Doch kommen wir nun zu den Ereignissen von vorgestern.

Den negativen Höhepunkt dieses gesamten Schauspiels stellen erneut intensive Kontrollen am Gästeblock dar. Sogar von Nacktkontrollen ist die Rede, welche abschließend zu einer berechtigten und nachvollziehbaren Abreise der Kölner Fanszene geführt haben. Wenngleich selbige nach eigener Aussage nicht vom Verein selbst, sondern von der Polizei angeregt wurden, so ebnet die angewandte Sicherheitspolitik der letzten Monate den Weg zu derlei Umständen. Die Aussagen der Kölner Fanhilfe sind eindeutig, während sich die Darstellungen der Polizei gefühlt stündlich ändern: Erst will man nichts von den Kontrollen gewusst haben, im nächsten Moment soll der Betroffene die Hose eigenständig ausgezogen haben. Die Einschätzung der Glaubwürdigkeit überlassen wir an dieser Stelle jedem selbst.

Der laut Vereinsaussagen angeblich so unschuldige Ordnungsdienst hat diese Maßnahmen nicht nur durch die Selektion unterstützt, sondern darüber hinaus weitere umfangreiche Intensivkontrollen angeordnet und durchgeführt. Zudem sollte ein Verbot sogenannter Schlauchschals durchgesetzt werden – eine Praxis, die so nicht existiert und erneut in den Bereich der Schikane fällt. „Kein Zutritt mit Schlauchschal“ lautete die Aussage der Ordner; als Option wurde angeboten, diesen abzugeben und bei einem nächsten Heimspiel wieder abzuholen. Eine weitere Absurdität, wenn man bedenkt, dass derselbe Ordnungsdienst an den Heimeinlasskontrollen hunderte Schlauchschals kommentarlos zugelassen hat. Auf die Spitze getrieben wird dies durch die Tatsache, dass genau diese Schlauchschals im Fanshop mit New-Balance-Branding erworben werden können. Die Frage, ob es sich hierbei um eine sinnvolle Maßnahme oder um repressive Schikane handelt, dürfte damit beantwortet sein.

Vier Mal in einem Jahr sind vier Mal zu viel (Kiel: Choreo, Bremen: Intensivkontrollen, Gladbach: Aufkleber/Banner, Köln: Intensivkontrollen). Das ist kein Einzelfall und erst recht kein Zufall mehr. Die angewandte Praxis hat System. Mit aller Macht wird versucht, das zu unterdrücken, wofür aktive Fanszenen in den letzten Wochen im Stadion und auf der Straße – im Zuge populistischer Forderungen seitens der Innenministerkonferenz – eingestanden haben. Deshalb sahen wir keine andere Möglichkeit mehr, als dieses Spiel nicht weiter mitzuspielen. Erneut kein Gästeanhang, erneut Probleme beim Einlass, erneut ein Versagen der eigenen Sicherheitsorgane – und wir sollen so tun, als wäre nichts gewesen. Für uns ist das unmöglich.

In der Folge war es aus unserer Sicht ebenso alternativlos, den Support einzustellen und als Zeichen der Solidarität den Block zu verlassen. Dies geschah jedoch nicht nur aus Solidarität, sondern auch als Protest gegen das repressive Vorgehen, dem Gästefans in den letzten Monaten in Leverkusen ausgesetzt waren.

Um eines direkt vorwegzunehmen – was in den letzten Stunden häufig an uns herangetragen wurde: Es ist völlig egal, ob im Gästeblock der 1. FC Köln steht oder der SV Meppen. Genauso irrelevant ist die Frage, ob Köln für uns denselben Schritt gegangen wäre. Wir müssen unsere Werte vertreten und für das einstehen, was uns ausmacht: eine freie Fankultur. Auf andere zu schauen ist immer einfach, doch hier geht es um unseren Standort. Wir müssen am nächsten Morgen in den Spiegel schauen können und uns selbstkritisch fragen, wie ein solches Vorgehen auf unsere Fanszene in den Gästeblöcken Deutschlands wirken würde.

Die Mannschaft in einem solchen Spiel nicht zu unterstützen, ist eigentlich undenkbar, für manche sicher streitbar und in jedem Fall unfassbar traurig. Für uns war es jedoch der einzige Weg, um ein Zeichen zu setzen, Veränderungen anzustoßen und vor allem zu verhindern, dass wir in den kommenden Jahren weiterhin regelmäßig einen beschnittenen Gästeblock erleben.

Die Mannschaft wurde im Anschluss von uns besucht, für den Derbysieg gefeiert und über die Geschehnisse informiert. Entsprechend hoffen wir auf Verständnis.

Im Weiteren möchten wir auf die Aussagen von Fernando Carro und Simon Rolfes eingehen, die auf uns unfassbar enttäuschend wirken. Wie bereits im Zusammenhang mit der Innenministerkonferenz und der dazugehörigen Öffentlichkeitsarbeit zeigt der Verein erneut, welchen Stellenwert Fans für ihn offenbar haben. Ohne ausreichendes Hintergrundwissen tätigt Fernando Carro populistische Aussagen darüber, man müsse der Polizei vertrauen – ohne die andere Seite der Geschichte auch nur angehört zu haben. Dass auch die Polizei fehlbar ist, ist hinreichend belegt. Welche Auswirkungen solche Aussagen auf das Verhältnis haben können, sollte ihm bewusst sein.

Simon Rolfes, der von der Stimmung schwärmt und das Wegbleiben der Fans mehr oder weniger relativiert, setzt dem Ganzen schließlich die Krone auf. Wenn diese Stimmung bereits zum Schwärmen verleitet hat, dann brauchen wir uns in Zukunft nicht mehr darüber zu unterhalten, wie man im Stadion und bei der Mannschaft ein Feuer entfacht. Mit ehrlichen Zugeständnissen kann man oftmals mehr Gesicht wahren und Rückgrat beweisen, als sich mit peinlichen Statements um schlechte Presse zu winden, die ohnehin auf einen einprasselt.

Dass sich selbst verfeindete Fanszenen solidarisch zeigen, sollte ebenfalls keine neue Erkenntnis sein – vielleicht hat man in den letzten Monaten tatsächlich keine Zeitung gelesen. Gleichzeitig sollte klar sein, dass eine solche Solidarisierung nicht grundlos entsteht, sondern dass hier offensichtlich einiges im Argen liegt. Langsam sollte es klingeln.

Abschließend möchten wir allen danken, die sich Samstag angeschlossen haben und diesen schweren Weg sowie die Entscheidung mitgetragen oder zumindest respektiert haben. Gemeinsam können wir etwas verändern. Den Rahmen dafür müssen wir zusammen gestalten. Ob hierfür ein Umdenken, eine klare Anweisung von oben oder gar eine Neubesetzung von Positionen innerhalb des Sicherheitsapparates notwendig ist, wird die Zukunft zeigen.